07.10.2015

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"Ich kann nicht atmen. Alles um mich herum scheint schwarz. Und dann diese Stimme,
die mir unbedingt weismachen will, dass ich der schrecklichste Mensch auf dieser 
Welt bin. So wie jetzt alles ist, kann ich jeden verstehen, der sich in den Kopf schießt
oder vor einen Zug schmeißt. Ich meine, fuck, aber es ist so. Es ist so."
-Auszug aus meinem Tagebuch, 18. März 2015

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An irgendeinem Tag während der schlimmen Phase, da haben meine Hände so gezittert, dass ich keinen Stift mehr gerade halten konnte. Und einmal, da musste ich die ganze Zeit schlucken, und ich habe geschluckt und geschluckt, und ich dachte irgendwann, ich muss ersticken. Und ich bin jetzt hier. Meine Hände sind ganz ruhig, und mit meinem Schluckreflex stimmt auch alles. Das wichtigste, was ich mir einprägen musste, um wieder zur Normalität zurückzukehren, ist, dass ich nicht normal bin, dass niemand normal ist. Dass jeder so seinen beschissenen Sack zu tragen hat, und manchmal sind da große Dinge drin und manchmal kleine und manchmal wartet der Sack noch darauf, überhaupt gefüllt zu werden, so ist das. Und in meiner Therapie habe ich eine Übung gemacht, bei der man sich vorstellen sollte, dass man auf dem Weg nach Hause ist, und überall am Wegesrand sind Gefäße, und in die tut man seine größte Angst, seine schlimmste Erinnerung, die ganzen Sorgen hinein und spürt, wie das Gewicht auf den Schultern immer leichter wird, und irgendwann geht man ins Haus, und man weiß, man kann die Sachen rausholen, wenn man will, man kann sie aber auch drin lassen, solange man das braucht. Und wir haben das geübt, mein Therapeut und ich, solange, bis es irgendwann geklappt hat. Bis ich Sachen ablegen konnte, und das hat mir so einiges erleichtert. 
  Ich hatte keine Routine mehr. Gefühlt ging es ums nackte Überleben. Arbeit schaffen, mehr nicht. Ach ja, und ein Kind ist da ja auch. Wie bringe ich ein Kind zum lachen, wenn es mir so dreckig geht, dass ich pausenlos kotzen könnte? Und mein Vater, der hat nicht mehr mit mir geredet, und Fabi ist nach Kanada gegangen. Und wenn ich mich nicht vollgepumpt hab, lag ich nachts wach und hab mir schreckliche Sachen vorgestellt, und war tagsüber so müde und kaputt, dass es in den Knochen wehgetan hat. 
  Aber Tatsache ist, dass ich da raus bin. Und dass das meiste, was die Depression sagt, nicht stimmt. Ich bin nicht klein, nicht dreckig, nicht mies, nicht gemein, kein Versager, kein Lügner, kein Egoist. Ich bin das Gegenteil. Ich habe es geschafft. ich weiß nicht, woher ich die Kraft genommen habe, aber ich habe es da durchgeschafft. Zum einen bin ich erleichtert. Zum anderen auch stolz. Dass ich mich nicht von einem Hochhaus gestürzt habe. Dass ich den schweren Weg gewählt habe. 
  Ich glaube, viele wissen nicht, wie hässlich Depressionen sind. Viele glauben, das bedeutet, dass man traurig ist und dass man sich so verhält wie Charlie von The Perks of being a Wallflower, und den Leuten coole Sachen schenkt und ganz genau zuhört, obwohl man doch zerbrochen ist. Aber Depressionen sind, dass man weint und schreit und morgens nicht aufstehen kann und seiner Freundin verspricht, dass man ganz sicher morgen aufsteht, und wenn man sich tagelang nicht duscht, weil das zu viel Kraft kostet, und wenn man nicht isst, weil man es vergisst und weil man wirklich nie Hunger hat; wenn man kotzen muss, weil es einem so dreckig geht und wenn man nachts nicht schlafen kann und tagsüber völlig kaputt ist. Wenn man eklig und gemein zu anderen ist, völlig ohne jeden Grund, wenn man sie wirklich wegekelt, weil man sie hasst, obwohl man sie eigentlich braucht.  Am schlimmsten war für mich, dass ich mich kaum aufraffen konnte, Paulina zu sehen, irgendwas mit ihr zu machen, und sie ist ja auch nicht dumm, sie merkt schon ganz viel.
  Sie hat mich gefragt, 'Papa, bist du traurig?'
  Und ich habe gesagt, 'Nein, bin ich nicht, Schatz'
  Und sie hat gesagt, 'Ich bin auch traurig, wenn du traurig bist'

Ich hör jetzt auf. Es ist drei Uhr nachts. Und ich muss morgen arbeiten.

Kommentare:

  1. Ben, wie alt ist deine Tochter ?
    -Liebst, maxie
    dein text hat mich berührt,
    mein herz zittert immernoch

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  2. Ich hab mich einige Zeit echt dreckig gefühlt. DAS ist das echteste, was ich je gelesen habe.

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  3. schön, dass du da bist und dass es dir gut / besser geht.

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  4. Ich hoffe, es geht dir gut, jetzt gerade.

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  5. Bin ganz verliebt in dein Blogdesign! Total schön.

    Liebe Grüße, Emilia

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